Geduld… Geduld

Geduld ist eine Tugend.


Leider gehört sie nicht gerade zu meinen Stärken.
Wenn mir etwas in den Sinn kommt, das mich begeistert und das ich unbedingt haben oder umsetzen möchte, kann es mir gar nicht schnell genug gehen.

Am liebsten würde ich sofort loslegen und gestern schon fertig gewesen sein.
Oft stürzte ich mich dann voller Elan, Hals über Kopf, in ein neues Projekt, ohne mir vorher einen vernünftigen Plan zurechtzulegen.

Das hat meist zur Folge, dass ich mir unnötige Arbeit machte, Dinge mehrfach bewegen musste oder mitten in der Umsetzung feststellte, was ich besser vorher bedacht hätte. Mit etwas mehr Planung ließe sich vieles einfacher, effizienter und mit deutlich weniger Aufwand umsetzen.


Nicht selten endet das im Chaos – und das ist ziemlich enttäuschend. Das Projekt bleibt unvollendet und damit fehlt auch dieses wunderbare Gefühl, etwas geschafft oder vielmehr etwas erschaffen zu haben.

Gerade im Garten, wo viele Arbeiten Zeit und Kraft kosten, ist das besonders frustrierend. Das ist nicht nur deprimierend, sondern macht es mir auch schwer, später wieder anzufangen. Das zurückgelassene Tohuwabohu wirkt eher abschreckend als motivierend. Statt voller Vorfreude weiterzumachen, muss ich mich erst einmal überwinden, überhaupt wieder an die Baustelle heranzugehen.


Nach vielen solcher unvollendeten Anfänge,

– ein Muster, das mich tatsächlich schon seit meiner Kindheit begleitet –

habe ich deshalb beschlossen, meinen Geistesblitzen nicht mehr sofort nachzugeben. So schwer es mir auch fällt: Mittlerweile versuche ichmir erst einmal einen Überblick u verschaffen und denke die wichtigsten Schritte in Ruhe durch.
Das klingt im ersten Moment wenig aufregend. Ist auch manchmal etwas trocken. Aber tatsächlich spart mir diese kleine Pause inzwischen oft viele Stunden Arbeit und eine Menge Nerven.

Ich gehe an den Ort, an dem mein Projekt in Gedanken längst fertig ist, schaue mich genau um und frage mich, ob die örtlichen Gegebenheiten überhaupt dafür geeignet sind.

Oft kommt schon hier der erste `Aha-Moment`.

Denn in meiner Vorstellung sehen die räumlichen Verhältnisse nicht selten etwas anders aus als in der Realität. Mal ist weniger Platz vorhanden als gedacht. Mal fehlt der nötige Schatten. Manchmal stehen dort bereits Pflanzen, die ich in meiner Euphorie völlig ausgeblendet habe. Oder ein Weg, den ich täglich nutze, würde später plötzlich versperrt sein. Solche Dinge bemerkt man erst, wenn man wirklich dort steht und sich das Projekt ganz bewusst vorstellt.
Ich versuche deshalb, mir auszumalen, wie der Bereich nach der Fertigstellung aussehen wird. Kann ich mich dort noch frei bewegen? Komme ich mit der Schubkarre durch? Muss ich später zum Gießen oder Pflegen ständig um das neue Beet herumlaufen? All diese Kleinigkeiten entscheiden oft darüber, ob ein Projekt langfristig Freude macht oder eher lästig wird.


Außerdem lohnt es sich – je nach Projekt – darüber nachzudenken, wie sich der Standort im Laufe des Jahres verändert.
Ein Beispiel:
Ich habe schon im Sommer Beete angelegt, bei denen mir erst im darauffolgenden Frühjahr auffiel, dass sie viel zu wenig Sonne bekamen. Im Hochsommer schien der Platz ideal gewesen zu sein. Erst als die Sonne im Frühjahr tiefer stand und die umliegenden Bäume noch keine Blätter trugen, zeigte sich, dass die Lichtverhältnisse ganz anders waren als erwartet. Die Pflanzen entwickelten sich nur schlecht und ich musste schließlich umplanen und auf schattenverträglichere Gewächse ausweichen.
Seitdem versuche ich, den Jahresverlauf immer mitzudenken. Wo steht die Sonne im Frühling? Wo fällt im Sommer der Schatten? Bleibt der Boden lange feucht oder trocknet er schnell aus? Solche Fragen wirken zunächst nebensächlich, können später aber entscheidend sein.


Auch die Ausrichtung nach den Himmelsrichtungen hat oft einen größeren Einfluss, als man zunächst vermutet. Eine Südseite eignet sich für viele wärmeliebende Pflanzen hervorragend, während eine Nordseite ganz andere Möglichkeiten bietet.

Es gibt also nicht den einen perfekten Standort – sondern den passenden Standort für das jeweilige Projekt.

Ebenso solltest du überlegen, wo die Wetterseite liegt und ob das Gelände an der geplanten Stelle ansteigt oder abfällt. Wind, Regen und Frost wirken je nach Lage ganz unterschiedlich auf den Garten. Manchmal bietet eine Hecke oder ein kleiner Hang bereits den nötigen Schutz. Manchmal muss man diesen Schutz erst schaffen.
Manche dieser Punkte sind bei bestimmten Projekten wichtiger als bei anderen.

Eine Eidechsenburg braucht möglichst viel Sonne und Wärme.

Ein Kompost sollte gut erreichbar sein, ohne ständig im Blickfeld zu liegen.

Eine Sonnenfalle lebt gerade davon, dass sie möglichst viel Wärme speichert.

Je nach Vorhaben verändern sich also auch die Anforderungen an den Standort.


Ebenso lohnt sich ein Blick in die Zukunft.

Viele Gartenprojekte wachsen mit den Jahren. Ein kleiner Totholzhaufen wird größer, Bäume entwickeln ausladende Kronen und aus einer einzelnen Rankhilfe entsteht vielleicht irgendwann eine ganze Pergola.
Deshalb frage ich mich inzwischen immer: Wird mir dieses Projekt später vielleicht selbst im Weg stehen? Komme ich auch in fünf Jahren noch problemlos an meine Beete? Kann ich den Rasen noch mähen? Muss ich irgendwann alles wieder versetzen, weil ich heute zu kurzfristig gedacht habe?


Auch die Bodenbeschaffenheit spielt eine wichtige Rolle.

Ein steiniger Boden bedeutet oft deutlich mehr Arbeit als lockere Erde.

Staunässe kann Pflanzen schaden, während sehr sandiger Boden Wasser kaum speichert. Nicht jede Schwierigkeit lässt sich vermeiden, aber viele lassen sich früh erkennen und in die Planung einbeziehen.


Mein wichtigster Rat lautet deshalb:

Geh an den geplanten Ort. Schau ihn dir in Ruhe an. Stell dir dein fertiges Projekt möglichst genau vor. Und dann geh wieder reinund trinke einen Tee und lass die Idee einfach mal wirken. Schlaf ruhig noch eine Nacht darüber.
Mir kommen die besten Einfälle ohnehin oft erst nachts.

Nicht selten wache ich morgens auf und weiß plötzlich ganz genau, welche Kleinigkeit ich noch ändern möchte oder welcher Ablauf viel sinnvoller wäre.

Früher hätte ich das erst während der Arbeit bemerkt. Heute passiert es oft schon vorher – und genau das spart mir später Zeit, Kraft und manchmal auch eine gehörige Portion Frust.


Ist der Standort schließlich gewählt und für gut befunden, beginnt die eigentliche Vorbereitung. Jetzt geht es ans Urbarmachen: das Gelände grob einebnen, störende Pflanzen ausgraben oder umsetzen, Material bereitlegen und alles so vorbereiten, dass die eigentliche Umsetzung möglichst reibungslos ablaufen kann.
Auch dieser Schritt wirkt auf den ersten Blick nicht besonders spannend.

Aber genau hier entsteht das Fundament für alles, was später folgt. Wer sich für diese Vorarbeiten Zeit nimmt, wird bei der eigentlichen Umsetzung meist feststellen, dass vieles plötzlich erstaunlich leicht von der Hand geht.
Und genau das ist wohl die größte Lektion, die ich im Garten gelernt habe:

Geduld bedeutet nicht, nichts zu tun. Geduld bedeutet, sich die Zeit zu nehmen, die richtigen Dinge in der richtigen Reihenfolge zu tun.

Das fällt mir bis heute nicht immer leicht. Aber jedes erfolgreich abgeschlossene Projekt erinnert mich daran, dass ein wenig Geduld und stille Aufmerksamkeit am Anfang zu einem funktionierendem und etabliertem Teil des Gartens führt.

Etwas eigenst Erschaffenes.